Wien (PK) – Wie können junge Menschen Diskriminierung erkennen und
was können sie
dagegen tun? Unter dem Titel „Parlament kommt zu dir“ geht das Hohe
Haus mit unterschiedlichen Workshops auf Tour durch Österreichs
Schulen und Kindergärten. In dem überarbeiteten Workshop „Demokratie
& Verantwortung – das Format gegen Antisemitismus“ wird Schülerinnen
und Schülern vermittelt, wie Teilhabe im Alltag gelebt werden kann.
Es handelt sich um ein mobiles Demokratiebildungsangebot des
Parlament.
„Weil jemand anders ist“
Es ist 10 Uhr. Stimmen hallen durch das Stiegenhaus der AHS
Rahlgasse, Schülerinnen und Schüler lehnen an den Wänden, lachen,
plaudern – die Glocke läutet, der Workshop beginnt. „Setzt euch, wenn
ihr noch nie Diskriminierung erlebt oder in eurem Umfeld beobachtet
habt“, startet der Workshopleiter in das rund zweistündige Modul mit
der 5C. Niemand setzt sich. Alle bleiben stehen.
„Warum erfolgt Diskriminierung?“, fragt der Demokratiebildner in
die Runde. „Weil jemand anders ist“ – „Aussehen“ – „Herkunft“ –
„Geschlecht“, antwortet die Klasse. Doch der Workshop geht tiefer.
Diskriminierung wird nicht nur als individuelles Verhalten
beschrieben, sondern als Handlung, deren Ergebnis Ausgrenzung ist.
Als die sogenannte „Sündenbocktheorie“ zur Sprache kommt, sind
die Jugendlichen interessiert: „Man übernimmt selbst keine
Verantwortung“, sagt ein Schüler. „Man gibt jemand anderem die
Schuld, um besser dazustehen“, meint eine andere Jugendliche. Am
Beispiel von Antisemitismus wird diese Dynamik konkretisiert. In der
Diskussion geht es um bekannte Vorurteile. In Gruppenarbeit ordnen
die Schülerinnen und Schüler Erzählungen verschiedenen Mythen zu.
Redewendungen wie „Du Jude“ im Sinne von „Geizhals“ werden
thematisiert. Die 14- bis 15-Jährigen erkennen: Diskriminierung
widerspricht ihren Werten – und ist dennoch Teil des Sprachgebrauchs.
Empathie und Zivilcourage: „ansprechen“, „melden“,
„dokumentieren“
Im Zentrum des Workshops steht die Frage: Was können wir tun? Die
Schülerinnen und Schüler antworten: „ansprechen“, „melden“,
„dokumentieren“. Dabei wird auch über Grenzen gesprochen. Aktiv
werden heißt nicht, sich selbst in Gefahr zu bringen.
Handlungsmöglichkeiten gibt es dennoch viele: Gespräche im
Freundeskreis führen, aufmerksam bleiben, widersprechen, reflektieren
die Jugendlichen. Und auf gesellschaftlicher Ebene aktiv werden durch
wählen gehen, sich engagieren, demonstrieren.
Die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler sind dabei oft von
Verwunderung geprägt, beispielsweise darüber, wie alt Antisemitismus
eigentlich ist, sagt der Workshopleiter später im Gespräch. „Viele
haben bestimmte Formen oder versteckte Mythen wie die
‚Weltherrschaft‘ gar nicht auf dem Radar.“ Daraus entsteht
Achtsamkeit bei den Schülerinnen und Schülern. Diese ist für den
Demokratiebildner von besonderer Bedeutung.
Nähe zur eigenen Lebenswelt macht Themen für Jugendliche greifbar
„Die Jugendlichen sollen Formen von Diskriminierung kennenlernen
und Werkzeuge bekommen, um handlungsfähig zu werden“, beschreibt der
Demokratiebildner die Zielsetzung des Moduls. Gleichzeitig beobachtet
er: „Die Workshops haben gezeigt, dass die Werte bei den Jugendlichen
vorhanden sind. Sie brauchen nur die Werkzeuge, um diese leben und
verteidigen zu können.“ Genau dort setzt der Workshop an. Warum es
wichtig ist, sich bereits in der Schule mit Antisemitismus
auseinanderzusetzen, liegt für den Workshopleiter auf der Hand:
„Diskriminierung und Antisemitismus fangen sehr früh an“.
Die Erkenntnis, dass Diskriminierung nicht nur Einzelne betrifft,
sondern unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Solidarität
schwächt, lasse die Jugendlichen überlegen, welchen Beitrag sie
selbst leisten können, hält der Workshopleiter fest. „Sie sollen
merken, dass sie etwas tun und unsere Gesellschaft mit ihrer Stimme
und ihrem Handeln beeinflussen können“.“ Laut den Schülerinnen und
Schülern sind es vor allem die konkreten Fallbeispiele, die
hängenbleiben. Die Nähe zur eigenen Lebenswelt macht das Thema
greifbar. Die Fragen der Teilnehmenden drehen sich um die Ursprünge:
„Wie ist Antisemitismus entstanden?“, hinterfragte etwa eine
Schülerin.
Demokratie im Klassenzimmer
Seit Jänner 2026 wird das zweistündige Modul „Demokratie &
Verantwortung – das Format gegen Antisemitismus“ für Schülerinnen und
Schüle der Sekundarstufe II sowie für Lehrlinge in überarbeiteter
Form angeboten. Das Modul wurde inhaltlich komplett neu aufgestellt,
informiert der Demokratiebildner. Der Fokus hat sich gewandelt: Weg
vom rein historischen Thema Nationalsozialismus und Holocaust, hin zu
aktuellen Formen der Diskriminierung und Antisemitismus als Beispiel
sowie zur eigenen Selbstwirksamkeit. Während es früher eher darum
ging, wie der Nationalsozialismus passieren konnte, liegt der
Schwerpunkt jetzt darauf, wie man aktiv werden kann, um
Diskriminierung und Antisemitismus entgegenzutreten. Die Jugendlichen
können sich dabei gezielt mit den Ursachen, Erscheinungsformen und
Auswirkungen von Diskriminierung und Antisemitismus
auseinandersetzen. (Schluss) gla
HINWEIS: Unter dem Titel „teilhaben teilsein“ rückt das Parlament
die gesellschaftspolitische Teilhabe von jungen Menschen in den
Mittelpunkt. Mehr Informationen zum Jahresschwerpunkt 2026 finden Sie
unter www.parlament.gv.at/jahresschwerpunkt


