Wien (PK) – Drei Jahrestage bündeln 2025 den Blick auf Österreichs
Selbstverständnis: 80 Jahre Kriegsende, 70 Jahre Staatsvertrag und
Neutralität sowie 30 Jahre Mitgliedschaft in der Europäischen Union.
Diese Eckdaten markieren nicht nur politische Zäsuren, sie erzählen
auch die Geschichte einer allmählichen Selbstvergewisserung. Nach den
politischen, gesellschaftlichen und moralischen Verwerfungen des
Zweiten Weltkriegs musste sich die Republik neu definieren –
rechtlich, politisch und kulturell. Vor allem musste sie auch daran
gehen, „jenen sozusagen vorpolitischen gemeinsamen ‚Glauben‘, jenen
Mythos zu schaffen, der staatlicher Existenz vorausgeht und diese
erst als selbstverständlich begründet“, wie Historiker Ernst
Bruckmüller schreibt.
Denn Österreichs Identität als Kleinstaat erschien 1945 alles
andere als selbstverständlich. Die junge Republik stand vor der
Aufgabe, aus den Trümmern einer untergegangenen Ordnung nicht nur
Institutionen, sondern auch ein neues Selbstbild zu formen. Diese
„Selbst(er)findung“ vollzog sich nicht geradlinig, sondern in Etappen
und mit Brüchen. Sie führte von der komplexen Abgrenzung zu
Deutschland über die Erhebung der Neutralität zum nationalen und
internationalen Markenzeichen bis hin zur kritischen Aufarbeitung der
eigenen Geschichte. Die Parlamentskorrespondenz versucht, diesen
ständigen Aushandlungsprozess nachzuzeichnen, der zeigt, dass
nationale Identität weniger ein Zustand als eine Bewegung ist – ein
fortgesetztes Ringen um Bedeutung und Zugehörigkeit.
Identität als Praxis
„Das gute Österreich […] ist besonders schwer zu verstehen. Es
ist in gewissem Sinne subtiler als alles andere, und seine Wahrheit
ist nie auf Seiten der Wahrscheinlichkeit.“ So schrieb Ludwig
Wittgenstein in seinem letzten Werk „über Gewißheit“ in den Jahren
1950/51 und illustrierte damit die Problematik, eine nationale
Identität – insbesondere die österreichische – zu erfassen.
Er schien damit den Befund des Historikers Oliver Rathkolb aus
seinem Buch „Die paradoxe Republik“ zu bestätigen, wonach es „nichts
Schwammigeres [gibt] als Identitätsdiskurse“. Ähnlich sieht dies die
Sprachsoziologin Ruth Wodak in „1000 Jahre Österreich – Wege zu einer
österreichischen Identität“ und warnt davor, den Begriff Identität
unhinterfragt zu verwenden, da er „einerseits schwammig, andererseits
[…] hochkomplex und vielschichtig“ sei. Philosoph Konrad Paul
Liessmann findet den Identitätsdiskurs – „egal ob er von Linken oder
Rechten betrieben wird“ – gar „intellektuell defizitär und
beschämend“, wie er in einem Interview mit der Tageszeitung Presse
eröffnet. Der Begriff Identität suggeriere die vollständige
Übereinstimmung mit etwas anderem. Wer stolz von seiner Identität
spreche, sei bereits in eine „Falle getappt. Er glaubt nämlich, er
könne mit einer Sache so eins sein, dass sie ihn in seinem Denken,
Handeln und Fühlen zur Gänze bestimmt“, so Liessmann.
Nationen sind ein Produkt der Moderne und Identitäten –
insbesondere kollektive – als Resultat von Aushandlungsprozessen
ständig im Fluss. So berechtigt daher die Einwände gegen eine allzu
statische Vorstellung von kollektiver Identität sind, würde man ihrer
sozialen Realität unrecht tun, sie mit Hinweis auf ihren Charakter
als Konstruktion ebenso leichtfertig zu verwerfen. Identität bleibt
eine zentrale Kategorie, wenn es darum geht, politische
Zugehörigkeit, historische Kontinuität und kulturelle
Selbstbeschreibung zu begreifen. Wie Rathkolb betont, ist es trotz
aller Ambivalenzen „möglich, eine Bestandsaufnahme für Österreich zu
wagen, wobei die Identitätsstränge mit unterschiedlicher Intensität
wirksam sind“ Diese Stränge – ob Neutralität, Sozialpartnerschaft,
Opferthese, Kultur oder Sprache – bilden kein geschlossenes System,
sondern ein Netzwerk historischer Bedeutungen. Österreichische
Identität ist demnach, in Wittgensteins Sinn, keine feststehende
Substanz, sondern eine Angelegenheit der Praxis.
Österreich als Antithese zu Deutschland
Laut der Politikwissenschaftlerin Susanne Frölich-Steffen ist die
Mehrzahl der Historiker der Auffassung, dass von einer dezidiert
österreichischen Identität erst im Zusammenhang mit der Zweiten
Republik zu sprechen ist, wie sie in ihrem Buch „Die österreichische
Identität im Wandel“ feststellt. Historiker Karl Vocelka bestätigt in
„Geschichte Österreichs, Kultur – Gesellschaft – Politik“, dass es
vor dem Zweiten Weltkrieg lediglich Ansätze einer Identitätsfindung
durch die österreichische Bevölkerung gab: „Die Bewohner der
Alpenrepublik fühlten sich als Deutsche – wenn auch manchmal als die
‚besseren Deutschen'“. Einzelne Historiker wie Felix Kreissler
vertreten die Ansicht, dass eine kollektive Identität der
Österreicherinnen und Österreicher bereits im 19. Jahrhundert
bestanden habe, „doch wussten sie es noch nicht“.
Die „Auslöschung Österreichs“ im Dritten Reich ist dann der
„Ausgangspunkt einer beschleunigten Bewusstwerdung der Österreicher“
gewesen, wie Felix Kreissler in „Der Österreicher und seine Nation“
ausführt. War in der Ersten Republik von Österreich noch als dem
„Staat, den keiner wollte“ die Rede, so hat die Erfahrung des
„Anschlusses“ und all seiner Folgen in der Zweiten Republik zu einer
weit höheren Akzeptanz der Kleinstaatlichkeit geführt. Historiker
Oliver Rathkolb spricht in seiner „Paradoxen Republik“ von einem
„Schockerlebnis, dass die ‚Ostmärker‘ nach 1938 keineswegs als Elite,
sondern als bloße Provinzgesellschaft in das nationalsozialistische
Deutsche Reich integriert worden waren.“ Vor allem mit den
zunehmenden militärischen Niederlagen nach Stalingrad sei es rasch zu
einer „emotionalen Ablösung“ gekommen. Die Österreicher, selbst die
meisten Nationalsozialisten, seien eben auch zwischen 1938 und 1945
nicht „nur Deutsche“ gewesen, wie Ernst Bruckmüller in seinem Kapitel
„Die Entwicklung des Österreichbewusstseins“ im Sammelband
„Österreichische Nationalgeschichte nach 1945“ erläutert. Dieses
Distanzgefühl sei auch vice versa empfunden worden, da für viele
„Reichsdeutsche“ die Österreicher lediglich als „Beutedeutsche“
galten. „Die Österreicher wollten Deutsche werden – bis sie es dann
wurden“, lautet eine dem Politikwissenschaftler Richard Löwenthal
zugeschriebene Sentenz.
Ab 1945 stellte schließlich kaum jemand mehr öffentlich die
staatliche Trennung von Deutschland in Frage, so Rathkolb. Eine
starke eigenständige kleinstaatliche Identität war damit allerdings
noch nicht herausgebildet. Rathkolb illustriert dieses ambivalente
Haltung anhand der ersten Erklärung des „klassischen
deutschnationalen k. u. k. Sozialdemokraten“ und Staatskanzlers Karl
Renner am 30. April 1945 vor Beamten im Kanzleramt. Darin erklärt er,
dass Adolf Hitler den Anschlussgedanken „zuerst verfälscht und
verfehlt, und zum Schluss für alle Zeit verspielt“ habe. Daher bleibe
Österreich „nichts übrig, als selbst auf den Gedanken eines
Anschlusses zu verzichten“, was aber „zugleich eine erlösende und
befreiende Tatsache“ darstelle.
Die SPÖ blieb laut Bruckmüller auch aufgrund ihrer Erfahrungen in
der Zwischenkriegszeit und mit dem „Ständestaat“ misstrauisch, hinter
„Österreich“ könne sich nach wie vor die Reaktion verstecken. Zudem
war die Utopie einer gesamtdeutschen Revolution auf der Basis von
1848 bei manchen Sozialisten noch nicht ad acta gelegt worden, wie
Rathkolb ausführt. Realpolitisch spielte diese jedoch keine Rolle
mehr und die SPÖ kämpfte nicht mehr offen gegen ein österreichisches
Nationalbewusstsein.
Die beiden anderen Staatsgründungsparteien ÖVP und KPÖ verfolgten
laut Bruckmüller hingegen eine klar österreichisch-nationale
Ausrichtung. Leopold Figl unterstrich diese eindeutige Haltung in
seiner Regierungserklärung am 21. Dezember 1945 im Nationalrat: „Wenn
wir immer wieder mit allem Fanatismus heimatverwurzelter Treue
betonen, daß wir kein zweiter deutscher Staat sind, daß wir kein
Ableger einer anderen Nationalität jemals waren noch werden wollen,
sondern daß wir nichts sind als Österreicher, dies aber aus ganzem
Herzen und mit jener Leidenschaft, die jedem Bekenntnis zur Nation
innewohnen muß, dann ist dies keine Erfindung von uns, die wir heute
die Verantwortung für diesen Staat tragen, sondern tiefste Erkenntnis
aller Menschen, wo immer sie stehen mögen in diesem Österreich.“ Die
Volkspartei habe dabei auf ältere Gedanken, Bilder und Symbole
zurückgreifen können, besonders auf die Österreich-Idee des
Ständestaates, so Bruckmüller. Der zunächst von den Eliten getragene
Patriotismus wandelte sich jedoch erst allmählich zu einem in der
breiten Bevölkerung verankerten Nationalbewusstsein.
Radikale Verösterreicherung und deutschnationaler Backlash
Nationen definieren sich laut Bruckmüller in Abgrenzungen. Für
die österreichische Nationsbildung war die Abgrenzung zu Deutschland
„am problematischsten, aber auch am wichtigsten“ und ist „nicht immer
elegant“ erfolgt. So wurde etwa am 3. September 1945 auf Betreiben
des KPÖ-Staatssekretärs Ernst Fischer statt „Deutsch“ das Schulfach
„Unterrichtssprache“ eingeführt – im Volksmund „Hurdestanisch“
genannt, da diese Maßnahme fälschlicherweise Fischers Nachfolger, ÖVP
-Unterrichtsminister Felix Hurdes, zugeschrieben wurde. Kultur- und
bildungspolitisch setzte die ÖVP selbst auf eine „radikale
Verösterreicherung“, wie Rathkolb schreibt, meist unter Rückgriff auf
das barocke imperiale Erbe der Monarchie und durch starke Abgrenzung
vom „Preußentum“. Zur Stärkung der kleinstaatlichen Identität auch
vor dem Ausland wurde die Hochkultur wesentlich forciert und der
Wiederaufbau von Burgtheater und Staatsoper zum nationalen Anliegen.
Nationen feiern sich nach Bruckmüller selbst in der Erinnerung an
die Gründerväter, an siegreiche Revolutionen und Kriege. Die
österreichische Geschichte sei jedoch bekanntlich „arm an solchen
erinnerbaren Daten“, die als kollektive Erfolgserlebnisse gedeutet
werden konnten. Da kam der jungen Republik eine alte Urkunde zur
Hilfe: Am 1. November 1946 jährte sich zum 950. Mal die
Unterzeichnung der Ostarrichi-Urkunde, was zum ersten bewussten
Gedenktag der Republik stilisiert wurde. In einer Festrede beschwor
der nunmehrige Bundespräsident Karl Renner die „so ausgeprägte und
vor allen anderen verschiedene Individualität der Österreicher“ und
verabschiedete damit „großdeutsche Phantasmagorien“, wie Bruckmüller
beschreibt – sowohl für die Republik als auch für sich selbst.
Gegenwind kam aus dem sich nun neu formierenden Dritten Lager und
dem 1949 gegründeten Verband der Unabhängigen (VdU), aus dessen
baldigen Zerfall 1956 die FPÖ hervorging. In seinem Ausseer Programm
1954 bekennt sich der Verband zur deutschen Volks- und
Kulturgemeinschaft: „Österreich ist ein deutscher Staat. Seine
Politik muss dem gesamten deutschen Volk dienen und darf nie gegen
einen anderen deutschen Staat gerichtet sein.“ Mit dieser Haltung
repräsentierte der VdU nur eine Minderheit in der Bevölkerung und der
„quasi von Amts wegen forcierte Österreichpatriotismus“ wurde kaum
behindert. Die Vergangenheitsbewältigung gestaltet das
deutschnationale Wählersegment jedoch indirekt mit. Da es dem VdU
gelang, einen Großteil der wieder zur Wahl zugelassenen ehemaligen
Nationalsozialisten für sich zu gewinnen, gerieten vor allem die
Konservativen unter Druck, wie Frölich-Steffen schreibt. Aus
Rücksichtnahme auf diese Bevölkerungsgruppe wurden die Jahre 1938 bis
1945 im öffentlichen Leben weitgehend ausgeblendet.
Mit dem Staatsvertrag 1955 erfuhren die deutschnationalen
Tendenzen eine „deutliche Belebung“, da die Angst vor den Alliierten
wegfiel, wie Bruckmüller schreibt. Er nennt etwa verstärkte
Aktivitäten deutschnationaler Organisationen, die Abmeldungskampagne
vom zweisprachigen Unterricht in Teilen Kärntens, „unrühmliche
Freisprüche“ auch für schwerbelastete NS-Täter und eine „immer
ungünstiger“ werdende Haltung österreichischer Behörden gegenüber
jüdischen Opfern des Nationalsozialismus. Dazu kam der exkulpierende
Konsens, Österreich sei das erste Opfer NS-Deutschlands gewesen – die
sogenannte Opferthese, von der noch die Rede sein wird. „Um 1960
schien es so, als befände sich Österreich wieder auf den Weg in einen
kollektiven Deutschnationalismus, mit zum Teil eindeutig
nationalsozialistischen Zügen“, so Bruckmüller.
Ausschlaggebend für eine auch staatliche Gegenreaktion wurde aber
erst die Affäre rund um den Wirtschaftshistoriker Taras
Borodajkewycz, der als Professor an der damaligen Hochschule für
Welthandel für seine antisemitischen Ausfälle Bekanntheit erlangte.
1965 erhob sich dagegen Protest, unter Beteiligung des späteren
Finanzministers Ferdinand Lacina und des späteren Bundespräsidenten
Heinz Fischer. Der Tod des Pensionisten und ehemaligen
Widerstandskämpfers Ernst Kirchweger bei Zusammenstößen von Pro- und
Anti-Borodajkewycz-Demonstrierenden bildete den traurigen Höhepunkt
dieser Entwicklung.
Zu den politischen Gegenreaktionen der Bundesregierung gehörte
die symbolische Aufwertung des 26. Oktober als „Tag der Fahne“ zum
österreichischen Nationalfeiertag, die der Nationalrat am 25. Oktober
1965 einstimmig beschloss. Doch schon in der Plenarsitzung am 28.
Juni 1967 lehnten die FPÖ und drei ÖVP-Abgeordnete die
Regierungsvorlage über die Feiertagsruhe ab. FPÖ-Bundesparteiobmann
Friedrich Peter argumentierte seine Ablehnung des „Nationalfeiertags“
damit, dass es nur einen „Staatsfeiertag“ geben könne, wie Rathkolb
berichtet. Noch 1988 äußerte Peters Nach-Nachfolger Jörg Haider im
ORF-Inlandsreport, „dass die österreichische Nation eine Missgeburt
gewesen ist, eine ideologische Missgeburt. Denn die
Volkszugehörigkeit ist die eine Sache und die Staatszugehörigkeit ist
die andere Sache.“ Später orientierte Haider – auch mit Blick auf das
Wählerpotenzial – seine Partei auf einen stärker österreichisch-
patriotischen Kurs um. Realpolitisch war die Existenz einer
eigenständigen und von der deutschen deutlich abgegrenzten
österreichischen Nation seit den späten 1960er-Jahren kein wirkliches
Thema mehr, wie Bruckmüller schreibt.
Ab dieser Periode habe sich ein „breites Österreichbewusstsein,
das allmählich als Nationalbewusstsein interpretiert werden konnte“
konsolidiert. So konnte der ehemalige Bundeskanzler Bruno Kreisky bei
seiner Abschiedsrede im Parlament am 28. September 1983 sagen: „Alle
Gruppen stehen heute zu unserer Fahne, sie entblößen ihr Haupt, wenn
unsere Hymne erklingt. Niemand stellt heute mehr die Lebensfähigkeit
Österreichs in Frage. Es ist ein neuer, sehr ruhiger und stiller
Patriotismus entstanden.“
Neutralität als Chiffre des österreichischen Wegs
Trotz der beschriebenen Unwägbarkeiten gilt der österreichische
Prozess des „nation building“ als „schnell und erfolgreich, nicht
zuletzt dank der exzellenten wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und
außenpolitischen Entwicklungen“, wie Frölich-Steffen schreibt. Oliver
Rathkolb sieht es als ein „Rätsel der Zweiten Republik“, wie sie sich
seit 1945, als sie noch kaum eine fassbare Identität aufwies, binnen
ein bis zwei Generationen „vollkommen als Kultur und Staatsnation
verstand.“ Er identifiziert verschiedene Komponenten der
österreichischen Identität, die zur raschen Nationsbildung
beigetragen haben. Darunter fallen neben der Abgrenzung zu
Deutschland und anderen Nachbarstaaten unter anderem der
Antikommunismus, das Selbstbild als Kulturnation oder die
Sozialpartnerschaft. Als wirkmächtigste „Säulen des österreichischen
Identitätsdiskurses“ sind jedoch die Neutralität und der Opfermythos
zu betrachten, wie etwa auch Ruth Wodak ausführt.
Gerade die Neutralität wurde lange mit dem ökonomischen und
sozialen Fortschritt in direkten Zusammenhang gebracht. Das am 26.
Oktober 1955 beschlossene Neutralitätsgesetz gilt als „Magna Charta“
der Zweiten Republik und ist als „Code für Wohlstand, Sicherheit und
internationale Reputation tief im kollektiven Bewusstsein verankert“,
schreibt Rathkolb – auch wenn sie von Anfang an einen mehrdeutigen
und vielschichtigen Verhandlungskompromiss darstellt und ihre
Auslegung bis heute Gegenstand kontroverser Debatten ist. (Siehe PK
851/2025 ). Die Neutralität verlieh der „österreichische
Selbstbezogenheit einen permanenten und besonderen Status“ und
spielte dem in die Hände, was Rathkolb den „nationalen Solipsismus“
der Österreicherinnen und Österreicher nennt.
Wie beschrieben war das Bundesgesetz über den österreichischen
Nationalfeiertag vom 25. Oktober 1965 auch eine wichtige
symbolpolitische Maßnahme zur Ablösung von etwaigen noch vorhandenen
Anschlussträumen. Schon die aktive Außenpolitik der 1960er-Jahre war
auch als Mittel zur Identitätsförderung konzipiert. Für die
österreichische Identitätsbildung besonders relevant wurde jedoch die
Phase der aktiven Neutralitätspolitik ab 1970 unter Bundeskanzler
Bruno Kreisky. Rathkolb spricht vom „Goldenen Zeitalter“ der
österreichischen Außenpolitik, in der Österreich als Brückenbauer
zwischen Ost und West aber auch als Vermittler im Nahen Osten hohes
weltweites Ansehen genoss. Die internationale Anerkennung stärkte die
Identität des Kleinstaats, dessen weltpolitische Rolle auch auf sein
inneres Selbstverständnis zurückwirkte.
Ein Höhepunkt dieser Periode des Reputationsgewinns war die Wahl
Kurt Waldheims zum Generalsekretär der Vereinten Nationen im Jahr
1971. Im Zusammenhang mit einer weiteren Säule des österreichischen
Identitätsdiskurses sollte Waldheim später allerdings auch zur
Schlüsselfigur für einen erheblichen Reputationsverlust Österreichs
werden.
Opferthese: Gründungsmythos und Selbsttäuschung
„Ich habe mich zwar hingegeben, doch nur weil ich gemußt.
Geschrien habe ich nur aus Angst und nicht aus Liebe und Lust. Und
daß der Hitler ein Nazi war – das habe ich nicht gewußt!“, ließ Erich
Kästner die Nationalallegorie Austria in einem Spottlied singen. Er
nahm damit satirisch den zentralen Gründungsmythos der Zweiten
Republik auf, wonach Österreich das erste Opfer des
nationalsozialistischen Deutschlands gewesen sei. Diese Darstellung
beruht auf einer selektiven Lesart der Moskauer Deklaration vom 1.
November 1943, worin die Alliierten festhalten, dass „Österreich das
erste freie Land [gewesen sei], das der typischen Angriffspolitik
Hitlers zum Opfer fallen sollte.“ Weitgehend beiseitegeschoben wurde
hingegen, dass Österreich in der Deklaration auch daran erinnert
wird, „dass es für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-
Deutschlands eine Verantwortung trägt, der es nicht entrinnen kann,
und dass anlässlich der endgültigen Abrechnung Bedachtnahme darauf,
wieviel es selbst zu seiner Befreiung beigetragen haben wird,
unvermeidlich sein wird.“ Die Alliierten wollten damit den Widerstand
gegen das NS-Regime in Österreich anspornen, was jedoch weitgehend
wirkungslos blieb.
Diese einseitige Interpretation der Moskauer Deklaration fand
auch Eingang in die von den drei Gründungsparteien der Zweiten
Republik unterzeichneten Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945.
Darin heißt es, dass der „Anschluss“ im Jahr 1938 „durch militärische
Bedrohung von außen und dem hochverräterischen Terror einer
nazifaschistischen Minderheit eingeleitet [und] durch militärische
und kriegsmäßige Besetzung des Landes dem hilflos gewordenen Volke
Österreichs aufgezwungen worden ist“.
Die Opferthese erfüllte in der Zweiten Republik mehrere zentrale
politische und gesellschaftliche Funktionen. Politisch bot sie etwa
einen Legitimationsrahmen für die rasche Wiedererlangung staatlicher
Souveränität und die Abwehr von Restitutions- und
Entschädigungsforderungen. Gesellschaftlich diente sie als
Integrationsinstrument, indem Unterschiede zwischen Tätern,
Mitläufern und Widerstandskämpfern während des NS-Regimes verwischt
und Konflikte aus der Zwischenkriegszeit begraben wurden („Geist der
Lagerstraße“). Auf diesem stabilen, wenngleich illusionären Konsens
konnte die Zweite Republik ihr politische Kultur aufbauen.
Nützlich war diese Geschichtsinterpretation auch in der Frage der
Beschlagnahmung deutschen Eigentums, um möglichst viel davon als
Kompensation verstaatlichen zu können. Rathkolb entnimmt Bruno
Kreiskys Memoiren eine Szene, als der deutsche Bundeskanzler Konrad
Adenauer dem damaligen Staatssekretär bei Vermögensverhandlungen
eröffnete: „So, österreichisches Eigentum in Deutschland? Wissen Sie,
Herr Kreisky, wüsste ich, wo die Gebeine Hitlers zu finden sind,
würde ich sie ihnen liebend gern als österreichisches Eigentum
zurückstellen.“
Die Verdrängung der positiven Aufnahme des „Anschlusses“ durch
weite Teile der Bevölkerung und der Mittäterschaft vieler
Österreicher und Österreicherinnen an den Verbrechen des Dritten
Reiches begann laut Rathkolb erst in den 1970er-Jahren aufzubrechen.
Zu einer wirklichen Abkehr von der Opferthese führte erst die Affäre
rund um den ehemaligen UN-Generalsekretär und nunmehrigen
Bundespräsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim im Jahr 1986. Die
internationale Kritik an seiner verschwiegenen
Wehrmachtsvergangenheit löste eine bis dahin beispiellose öffentliche
Debatte über Österreichs Rolle im Nationalsozialismus aus und
erschütterte das Bild des „Opfers“ nachhaltig.
Diese Erschütterung fand auch Widerhall in der wissenschaftlichen
Aufarbeitung sowie in Kunst und Kultur. So löste etwa Thomas
Bernhards Drama „Heldenplatz“, in dem er die Themen Verdrängung,
Schuld und Selbsttäuschung schonungslos aufgriff, einen der größten
Theaterskandale in der Geschichte Österreichs aus. Am 8. Juli 1991
relativierte Bundeskanzler Franz Vranitzky im Nationalrat die
Opferthese zum ersten Mal auch von offizieller Seite und räumte die
Mitschuld vieler Österreicherinnen und Österreicher an den Verbrechen
des Nationalsozialismus ein: „Wir bekennen uns zu allen Daten unserer
Geschichte und zu den Taten aller Teile unseres Volkes, zu den guten
wie zu den bösen; und so wie wir die guten für uns in Anspruch
nehmen, haben wir uns für die bösen zu entschuldigen – bei den
Überlebenden und bei den Nachkommen der Toten.“
Die Entwicklung der Opferthese zeigt exemplarisch, wie sehr
nationale Identität im Wandel begriffen ist. Was nach 1945 als
politisch nützliches Integrationsnarrativ der Zweiten Republik
diente, wurde in den folgenden Jahrzehnten zunehmend hinterfragt und
schließlich als kollektive Selbsttäuschung betrachtet. Der Weg von
der Entlastungs- zur Verantwortungserzählung markiert einen
tiefgreifenden kulturellen Lernprozess. Wie bei individuellen
Identitäten kann dieser durch Selbstreflexion, durch äußere Umstände
und meist durch die Verbindung aus beidem initiiert werden. So
bewirkten und bewirken auch spätere Entwicklungen wie der EU-
Beitritt, verstärkte Migrationsbewegungen oder auch die Umwälzungen
durch den Krieg in der Ukraine, dass die nationale Identität – oder
einzelne ihrer Stränge – in einem anderen Licht erscheint. Dies
bedeutet nicht, dass keine Identität vorhanden wäre, sondern dass
jede Generation dem Geflecht aus Selbstdeutungen neue Schichten
hinzufügt. So erweist sich Österreichs Identität als wandelbar und
oftmals als widersprüchlich – ihre Wahrheit, wie Wittgenstein
bemerkte, liegt „nie auf Seiten der Wahrscheinlichkeit.“ (Schluss)
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HINWEISE: Die Beiträge bzw. Bücher von Ernst Bruckmüller, Oliver
Rathkolb, Ruth Wodak, Susanne Frölich-Steffen sowie andere Werke zur
österreichischen Identität finden Sie in der Parlamentsbibliothek und
Stenographische Protokolle zu allen Sitzungen von Nationalrat und
Bundesrat im Webportal des Parlaments.
Das Parlament beleuchtet 2025 drei Meilensteine der
Demokratiegeschichte. Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, vor
70 Jahren wurde der Staatsvertrag unterzeichnet und vor 30 Jahren
trat Österreich der EU bei. Mehr Informationen zum Jahresschwerpunkt
2025 finden Sie unter www.parlament.gv.at/kriegsende-staatsvertrag-eu
-beitritt .



