GLOBAL 2000-Rechtsgutachten: Österreichs Naturwald-Juwele in Gefahr

Wien (OTS) – In der EU inklusive Österreich wurden in der
Vergangenheit fast alle
Ur- und Naturwälder abgeholzt. Die letzten Reste dieser artenreichen
Ökosysteme – rechtlich als “Primar- und Altwälder” bezeichnet – sind
teils immer noch akut von Schlägerungen bedroht. Ein von GLOBAL 2000
in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten unterstreicht indes die EU-
rechtlichen Schutz-Erfordernisse eben dieser gefährdeten Waldflächen.

“Unsere letzten Wald-Juwele sind nicht ausreichend vor
Abholzungen sicher. Die Bundesregierung und die Landesregierungen
sind sowohl bei der Bestandsaufnahme als auch beim Schutz massiv
säumig. Bei bestehenden Schutzgebieten muss nachgebessert werden und
im Rahmen des Nationalen Wiederstellungsplanes Versäumnisse der
Vergangenheit wettgemacht werden“, ortet Dominik Linhard, Wald-
Experte bei GLOBAL 2000, dringenden Handlungsbedarf.

EU-Recht & EUGH: Schlägerungen in Naturwäldern EU-rechtswidrig

Cornelia Ziehm, Autorin des Gutachtens erklärt: “Das geltende
Recht misst Primär- und Altwäldern eine herausragende Bedeutung für
den Schutz unserer Lebensgrundlagen zu. Der deshalb erforderliche
strikte Schutz ist im Sinne eines grundsätzlichen Ausschlusses
forstwirtschaftlicher Maßnahmen in Primär- und Altwäldern sowohl
inner- als auch außerhalb von bereits existierenden
Europaschutzgebieten zu gewährleisten.”

Laut gängigen fachlichen Abschätzungen beträgt der Anteil der
Naturwälder an der Gesamtfläche der heimischen Wälder knapp 3-8
Prozent. Naturschützer und Publizist Matthias Schickhofer
dokumentiert Österreichs Wälder seit vielen Jahren und erstellt
aktuell im Auftrag von GLOBAL 2000 eine Karte der Naturwald-
Verdachtsflächen. Er betont: “Unsere Analysen zeigen, dass
wahrscheinlich etwa 5-6 Prozent der heimischen Wälder als
‚Naturwälder’ einzustufen sind. Wir wissen nun, wo sie mit großer
Wahrscheinlichkeit zu finden sind: Die meisten befinden sich in
steilen Lagen, vor allem im Gebirge. Aber nur ein kleiner Teil steht
rechtlich unter striktem Schutz.”

Negativ-Beispiel

Selbst in Europaschutzgebieten werden totholzreiche Altbestände
im Widerspruch zu den EU-Schutzgebietszielen und ohne vorherige
Naturverträglichkeitprüfungen gefällt.

Im niederösterreichischen Yspertal etwa wurden alte Buchenwälder
durch Douglasien- und Lärchenpflanzungen ersetzt. GLOBAL 2000 hat
herausgefunden, dass alleine zwischen 2015 und 2022 im Gebiet um das
Yspertal 30 Hektar geschützte Waldlebensraumtypen abgeholzt wurden.
Im selben Zeitraum hat es dort aber nur eine einzige
Naturverträglichkeitsprüfung für 2,5ha gegeben. “Mit solchen
Abholzungen verlieren wir sukzessive wertvollstes Naturerbe. EU-Recht
ist aber vorrangig zu berücksichtigen. Hier setzt Österreich
geltendes Recht nicht ausreichend um. Zu Lasten von Natur und
Grundbesitzern. Letztere leiden unter unklaren Bestimmungen,
Konflikten und fehlenden Mitteln für Entschädigungen. Der Zustand des
Naturschutzes in Österreich ist eine gewaltige Baustelle – und kein
Renommee,“ so Linhard und Schickhofer unisono.

Deadlines: Vertragsverletzung & Wiederherstellung

Indes sieht sich Österreich mit einem
Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission konfrontiert.
Österreich hat seit dem 10. März zwei Monate Zeit Schutzgebietsziele
und Schutzmaßnahmen nachzuschärfen, bevor womöglich der EuGH
eingeschaltet und möglicherweise hohe Strafzahlungen fällig werden.

Im September 2026 müssen die Nationalen Wiederherstellungspläne
aller EU-Staaten an die EU-Kommission übermittelt werden. Der
umfassende Schutz der letzten Naturwälder Österreichs muss Teil davon
sein. “Österreich ist EU-rechtlich eindeutig verpflichtet, alle
Naturwälder zu identifizieren, zu kartieren und zu schützen. Ob
bisher erfolgte Kartierungen von öffentlichen Stellen hinreichend
sind, bleibt unklar, weil sie nicht veröffentlicht wurden”,
kritisiert Linhard die aktuelle Datenlage.

GLOBAL 2000 hat deshalb nach dem Umweltinformationsgesetz die
umfassende Herausgabe von existierenden Kartierungsdaten angefragt
und geht gleichzeitig in Vorlage: Mit der Erstellung einer
österreichweiten Karte der potentiellen Naturwälder, welche nach
abgeschlossener Validierung – durch die TU Wien – den relevanten
staatlichen Stellen übermittelt wird.

“Um unsere letzten Naturwälder erhalten zu können, braucht es
eine deutliche Umschichtung klimaschädlicher Subventionen in Richtung
Naturschutz – auch um Grundbesitzende fair entschädigen zu können,“
betont Schickhofer.

“Wir erwarten uns jedenfalls, dass die Karte der potentiellen
Naturwälder im Nationalen Wiederherstellungsplan berücksichtigt wird
und dass die Naturwälder einem EU-rechtskonformen Schutz zugeführt
werden. Gleichzeitig könnten auch Steuerzahler:innen vor indirekten
Kosten durch Strafzahlungen bewahrt werden. Die zuständigen Gremien
müssen endlich ihrer Arbeit nachgehen“, so Linhard abschließend.

– Das Rechtsgutachten zum Download