Wien (OTS) – Zwei Drittel der Grenze zwischen Mexiko und den
Vereinigten Staaten
von Amerika beschreibt der Rio Grande entlang des Bundesstaates
Texas. In einer großen Biegung umschließt der Fluss an seinem
nördlichen Ufer einen der artenreichsten Nationalparks der USA: den
Big Bend. Wie kaum ein anderer Naturpark bietet er landschaftlich ein
abwechslungsreiches Kontrastprogramm: Wüste mit 40 Grad im Schatten,
meterhohe Kakteen, Gebirge, auf deren Steilhängen robuste
Dickhornschafe turnen, oder bewaldete Täler, wo Schwarzbären dösen.
Eine Wild-West-Kulisse der Superlative – für die Tierwelt ein
Paradies, wie das eindrucksvolle Naturfilmporträt „Big Bend –
Amerikas wildeste Grenze“ des renommierten „Universum“-Filmers John
Murray anlässlich der Fußball-WM in Amerika zeigt. Die Koproduktion
von ORF und Crossing the Line mit PBS und France TV in Zusammenarbeit
mit ORF-Enterprise ist anlässlich der Fußball-WM in Amerika am
Dienstag, dem 7. Juli 2026, um 20.15 Uhr in ORF 2 und auf ORF ON zu
sehen.
Big Bend – seinen klingenden Namen verdankt der 1944 gegründete
Nationalpark dem Rio Grande, der die Grenze zwischen Texas und Mexiko
markiert. Etwa auf halbem Weg beschreibt sein Flussbett eine große
Kurve (big bend), die im Halbkreis die Chisos Mountains umrundet. Es
ist der einzige Gebirgszug der USA, der zur Gänze in einem
Nationalpark liegt. Seine Existenz zeichnet nicht zuletzt dafür
verantwortlich, dass der Big Bend einer der artenreichsten
Nationalparks der Vereinigten Staaten ist. Von 500 bis auf fast 2.400
Meter ansteigend, umfasst er unterschiedlichste Vegetationszonen –
eine Einladung für verschiedenste Tierarten. Der Fluss, der das
wasserarme Gebiet erst zu einem bewohnbaren Wildnis-Paradies macht,
hat viele Bedeutungen. Vom Norden kommend, überschritten dereinst
Menschen den Rio Grande, um sich im Süden eine neue Existenz
aufzubauen. Viele davon waren mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Vom
Süden kommend, heißt das Gewässer wiederum Rio Bravo. Es entwickelte
sich in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend zu einer Barriere,
hinter der eine bessere Zukunft vermutet wurde. Für die Tierwelt
liegt der Fluss einfach im Herzen ihres Lebensraumes. Grenzen schafft
für sie nur die Natur mit guten oder schlechten
Überlebensbedingungen.
Auf mehr als 3.200 Quadratkilometern Wildnis wird Naturschutz
heute großgeschrieben. Nur ein einziges Hotel steht Besucherinnen und
Besuchern zur Verfügung. Die Nächte bieten einen atemberaubend-klaren
Sternenhimmel, denn der Naturpark Big Bend ist auch ein
Lichtschutzgebiet. Wenn auch erst seit wenigen Jahrzehnten, denn
lange galt der Landstrich als Durchzugsstrecke, die viele Völker
kommen und gehen sah. Archäologische Funde reichen bis in das
siebente Jahrtausend vor Christus zurück. Ab dem 16. Jahrhundert
siedelten hier Indigene wie die Chizos und Apachen, auf der Südseite
des Flusses die Spanier. Zuletzt nutzten die Komantschen das Gebirge
als Rückzugsgebiet, als immer mehr weiße Siedler kamen. Mit ihnen
veränderte sich die Landschaft: Viehzucht führte zu starker
Überweidung der saftig-grünen Hänge des Chisos-Gebirges. Wälder
verschwanden, die Vielfalt an Pflanzen und Tieren ebenso. Erst in den
1930er Jahren wendete sich das Blatt. Die Naturkulisse sollte in
ihrer Einzigartigkeit erhalten bleiben. Der Bundesstaat Texas stellte
das Land unter Schutz. Die Natur erholte sich rasch. In den 1970er
Jahren stiegen sieben Dickhornschafe aus einem Laster. Sie waren
Jahrtausende lang hier heimisch. Übermäßige Bejagung hatte sie
ausgerottet. Heute turnen wieder an die 900 Exemplare über die
felsigen Steilhänge.
Ein anderes großes Säugetier, das ebenfalls dem Menschen weichen
musste, kam von ganz allein in seinen angestammten Lebensraum zurück:
Vor etwa 30 Jahren überschritt eine Schwarzbärin die mexikanisch-
texanische Grenze – und blieb. Geschätzt ein Dutzend Schwarzbären
haben heute ein fixes Revier im Big Bend – eine Erfolgsgeschichte.
Sehr zum Leidwesen der heimischen Eichelspechte. Sie legen in
mühsamer Kleinarbeit Vorräte für den Winter an, indem sie Hunderte
Eicheln und Nüsse in passgenaue Löcher stopfen, die sie aus dem
„Vorratsbaum“ im Herzen ihres Reviers schlagen. Schwarzbären sind
jedoch gute Kletterer und machen vor dem reich gedeckten Tisch in
schwindelnder Höhe nicht Halt. Sie balancieren auf dünnen Ästen, um
auch noch die entlegensten Eicheln aus den Löchern zu stehlen.
Die „Universum“-Produktion bildet das raue Land in seinen eher
unvermuteten Facetten ab. Klischee-Vorstellungen von der Wüste zu
verstärken, war nicht das Ziel: „Wir wollten versuchen, etwas anderes
zu machen“, sagt Regisseur John Murray. Im Fokus standen stärker die
atmosphärische Sanftheit und stille Schönheit dieses Lebensraumes als
die Härte der Landschaft und die rauen Lebensbedingungen. Eine neue
Technologie ermöglichte nächtliche Zeitlupenaufnahmen von zwei sehr
schwer fassbaren Jägern: der Wüstenfledermaus und dem Elfenkauz. Eine
neue Hochgeschwindigkeitskamera hielt diese Tiere mit 1.000 Bildern
pro Sekunde im Infrarotbereich bildlich fest. Das Filmen der
Schwarzbären war für das Kamerateam eine enorme Herausforderung, denn
Big Bend ist ein riesiges Gebiet. Zwei Monate lang hefteten sich die
Naturfilmer rund um Regisseur John Murray auf die Fährten der Bären.
Fast täglich überwanden sie mit schwerer Filmausrüstung im Gepäck 20
Kilometer durch die Bergwelt. Das Ergebnis sind sensationelle
Schnappschüsse dieser scheuen Großsäuger in ihrem neu eroberten
Lebensraum. Schwierigkeiten bereitete dem Filmteam das Wetter:
Unerwartet starke Regenfälle, Hitze und Kälte zu unüblichen
Jahreszeiten begleiteten die Dreharbeiten des Teams. Wildtiere waren
daher nicht, wie sonst üblich, an bestimmten Orten aufzufinden. Etwa
die Spatenfußkröte, die sich monatelang im Wüstensand vergräbt und
erst bei Regen wieder an die Oberfläche kriecht. Sie blieb in diesem
Jahr aus. Der Klimawandel macht eben auch vor Wildnis-Paradiesen
nicht Halt.


